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Vom Feld in die Tonne?

Bericht zur Veranstaltung zu Strategien gegen Lebensmittelverschwendung

Nachhaltiges Wachstum ist eines der Schlagworte der Strategie „Europa 2020“. Diese Strategie sollte bei der Entwicklung von kirchlichen EU-Projekten immer präsent sein (siehe auch Tipps zur Beantragung von EU-Fördermitteln).

Daher organisierte Frau Susanne Melior, Europaabgeordnete in  Brandenburg, gemeinsam mit der Dienststelle des Länderbeauftragten in der Heimvolkshochschule Seddin am 4.11.2016 eine Veranstaltung zum Thema „Vom Feld in die Tonne? Strategien gegen Lebensmittelverschwendung“.
Frau Europaabgeordnete Susanne Melior dankte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und führte dann in das Thema Lebensmittelverschwendung ein.

Die Europäische Union arbeitet derzeit mit Zahlen von insgesamt etwa 100 Millionen Tonnen verschwendete Lebensmittel pro Jahr. Bis zum Jahr 2030 soll dieser Betrag halbiert werden. Dies ist auch deshalb relevant, weil es hier auch um Nachhaltigkeit und Ressourceneffizenz geht. Es gibt hier auch verschiedene zivilgesellschaftliche Ansätze.

Sie stellte die Referierenden vor:
Frau Anne-Sigrid Fumey, Französisches Ministerium für Land-, Ernährungs- und Forstwirtschaft
Herr Stig Tanzmann, Brot für die Welt, Referent Landwirtschaft
Herr Henrik Wendorff, Präsident des Landesbauernverbands Brandenburg
Herr Prof. Dr. Jürgen Kropp, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Herr Björn Fromm, EDEKA Fromm, Präsidiumsmitglied im Handelsverband Berlin-Brandenburg e.V.
Herr Valenthin Thurn, foodsharing e. V., Filmemacher, Regisseur und Produzent
Herr Pfarrer Martin Vogel, Länderbeauftragter der EKBO

Herr Valentin Thurn führte einige Ausschnitte aus seinen Filmen vor, die Lebensmittelverschwendung eindrücklich und emotional darstellen. Er sprach die politischen Entscheidungen im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft an, das sich zunächst auf die Verbraucher-Verschwendung konzentriert habe (deshalb würde auch die Zahl von 61 % Verschwendung auf Verbraucherseite weiterhin kolportiert). Er berichtete von Start-Up-Ideen, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Seine eigene Initiative foodsharing stellte er als Ergänzungsangebot zum Angebot der Tafeln dar. Er verwies auf die Scharnierfunktion des Handels. Seine persönliche Strategie sei, vor Kochen und Einkauf in den Kühlschrank zu schauen und erst dann die Entscheidung zu treffen, was zu kaufen sei. Es gebe einen entscheidenden globalen Aspekt.

In der direkten Diskussion ging es um Preisbildung und Wertschätzung von Lebensmittel. Er verwies auf Ansätze der solidarischen Landwirtschaft. Des Weiteren wurde nach der Entwicklung nach den legendären Butterbergen und Milchseen der europäischen Integrationsgeschichte gefragt. Diese seien tatsächlich durch politische Entscheidungen abgebaut worden, die neuen Entwicklungen hätten wieder andere Schwierigkeiten vor allem im globalen Kontext mit sich gebracht.

Frau Anne-Sigrid Fumey stellte die französische Ernährungspolitik und speziell die Maßnahmen der französischen Regierung gegen Lebensmittelverschwendung vor. Der Nationale Pakt gegen Lebenmittelverschwendung „anti gaspi“ sei nun in ein Gesetz weiterentwickelt worden (vom Februar 2016). Die Sensibilisierungsmaßnahmen schätzte sie als besonders wichtig ein, insbesondere für junge Menschen.

In der Diskussion ging es um mögliche EU-weite Lösungen, in Frankreich z. B. gebe es Änderungen im Bereich der Haltbarkeitsdaten. Globale Auswirkungen in den Ländern des Südens seien zum einen fragwürde Lebensmittelexporte aus Europa und Nachernteverluste und Lagerungsschwierigkeiten. Es gebe immer noch eine Herausforderung im Bereich der Hungernden in der Welt. Es gebe Bildungsdefizite Bereich der Bevölkerung, im Landwirtschaftsbereich sei die Infrastruktur im Lagerungs- und Transportbereich in Deutschland sehr gut. Vieles werde durch die Gesetzgebung zum Abfall erklärt, dies sei auch aufgrund des BSE-Skandals sehr strikt geregelt worden. 

Die Landressourcen und Produktionstechnologien um 10 bis 12 Milliarden Menschen zu ernähren seien in der Zukunft denkbar, es gebe auch aufgrund von Lebensmittelverschwendung einen großen Druck Lösungen für den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen in der Landwirtschaft zu reduzieren. Es gehe darum, wie genau Landwirtschaft betrieben werde, welche Verluste es schon vor dem Anfall von Abfall gebe. Das Käuferverhalten habe sich in Richtung einer Wegwerfkultur entwickelt. Die Frage von Haftbarkeit im Bereich von Mindesthaltbarkeitsdaten und Deklaration, Hygieneanforderungen sei nicht zu unterschätzen. Ideen wie die Farbskala und das Verbrauchsverfallsdatum wurden unter dem Aspekt des Überangebots an Deklarations-Informationen diskutiert.

In der Publikumsdiskussion wurde nach der Evaluation der Gesetzesverabschiedung in Frankreich und nach Initiativen des Handels zur Nutzbarmachung von „Schönlingen“ (diese Initiativen seien schnell wieder eingestellt worden). Die Energiebilanz von Landwirtschaft und die Verteilungsprobleme in der Landwirtschaft wurden kontrovers diskutiert. Die Qualitätskriterien seien mittlerweile enorm verbreitert worden, gleichzeitig gebe es die Berechtigung für bestimmte Standards. Die Lebensmittelverschwendung an Frischetheken sei ca. 50 % höher als selbstbedienungsverpackt, das Interesse der Bauern hinge mit Preisbildung und Wertschöpfung zusammen. Auf EU-Ebene sei die Abfallrichtlinie sehr relevant im Bereich Lebensmittelverschwendung. Vom Zeitaspekt her würden soziale Bewegungen aus Klimaschutzsicht zu lange dauern. Es gebe einen Zwang im System der Konsumkultur, der Lebensmittelverschwendung und der Fehlernährung auch global begünstigte. Hier gebe es Notwendigkeit für mehr Regulierung, die EU werde z. B. auch im Bereich der Zuckerbegrenzung hier stark durch Lobbygruppen angegriffen. In Frankreich gebe es EU-unterstützte Programme im Bereich Milch und Obst und Gemüse. Es gebe enormen Nachholbedarf im EU-Bereich der Förderung des Austauschs zwischen lokal angebauten Lebensmitteln und Verpflegung von Kindern und Jugendlichen. Man müsse eine direktere Beziehung zu den Lebensmitteln herstellen und auch zu „Schönlingen“ wieder einen Raum geben, z. B. im Rahmen einer Aktion zum Erntedankfest.

Auch die Wirkung von EU-Förderprogrammen könnte in den Blick genommen werden: Führen lokale EU-Förderungen zu einer erhöhten Wertschätzung von Landwirtschaft und Lebensmitteln, oder könnten insbesondere zivilgesellschaftliche Akteure wie die Kirchen hier stärker gefördert werden? Inwieweit sind globale EU-Förderprogramme, zum Beispiel in der Entwicklungszusammenarbeit, nützlich im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung? Wichtig in der Diskussion waren die großen Herausforderungen, die der Verabschiedung des französischen Gesetzes gegen Lebensmittelverschwendung vorausgegangen waren. Für die Themen Bildung, Verbraucherbildung schon im Kita- und Schulalter wurde eine Lanze gebrochen, zudem wurde die Wertschätzung von Lebensmitteln in anderen Teilen der Welt thematisiert.

Herr Pfarrer Martin Vogel dankte allen Beteiligten und fasste die Veranstaltung zusammen, indem er an den Anfangs- und Quell-Mythos und ein Zukunftsbild der Bibel erinnerte. Man solle nicht wie in der Paradiesgeschichte von Adam und Eva nur mit dem Finger auf andere Akteure im Komplex Lebensmittelverschwendung zeigen, sondern selbst den Aufruf hören, Verschwendung und Verluste zu minimieren. Eine weniger verschwenderische Zukunft insbesondere in reichen Weltgegenden wie der Europäischen Union sei möglich. Visionen mit beeindruckenden Bildern seien für Menschen nicht nur in diesem Kontext wichtig, wie die Parallele zur Offenbarung des Johannes aus dem Neuen Testament zeige.
Die Potsdamer Neusten Nachrichten berichteten ausführlich über die Veranstaltung.